Mein kleines Prachttier an den Kammerspielen: Leonie Böhm zerlegt Rijnevelds Täterstimme auf drei Spielerinnen

Leonie Böhm bringt Lucas Rijnevelds verstörendsten Roman an die Kammerspiele — Premiere am 13. Juni 2026 im Schauspielhaus, drei Spielerinnen für eine einzige Täterperspektive.

Es gibt Romane, die kann Theater nicht eins zu eins übersetzen — nur durch eigene Erfindungen einlösen. Lucas Rijnevelds Mein kleines Prachttier (niederländisch Mijn lieve gunsteling, 2020) ist so ein Stoff: erzählt aus der Innensicht eines 49-jährigen Tierarztes, der eine vierzehnjährige Bauerntochter missbraucht. Wie spricht ein Theaterabend so eine Perspektive aus, ohne sie zu reproduzieren? Die Regisseurin Leonie Böhm und ihr Team an den Münchner Kammerspielen lösen das, indem sie die Täterstimme „Kurt“ gleich auf drei Spielerinnen verteilen — Leonie Böhm selbst, Annette Paulmann und Maren Solty. Damit wird die Figur zerlegbar, befragbar, nicht zur identifikatorischen Falle.

Der Roman — Tabubruch mit Preis

Lucas Rijneveld, 1991 in den Niederlanden geboren und auf einem Milchviehbetrieb aufgewachsen, hatte 2018 mit dem Debüt Was man sät (De avond is ongemak) literarisch alles verändert: 2020 erhielt die englische Übersetzung den International Booker Prize — eine der jüngsten Preisträger:innen der Geschichte. Mein kleines Prachttier folgte zwei Jahre später, ein radikaleres, sprachlich noch dichteres Buch. Es bekam 2021 den niederländischen F.-Bordewijk-Preis und wurde international überwiegend als literarisches Wagnis ersten Ranges besprochen — wegen der Sprache, wegen des Mutes, eine Täter-Innensicht in dieser Schärfe auszuhalten, und wegen der Frage, was Literatur darf, wenn sie sich auf das Unsagbare einlässt.

Leonie Böhm — Regisseurin mit eigener Schule

Böhm, aufgewachsen in Heilbronn und studiert an der Kunsthochschule Kassel (Meisterschülerin Urs Lüthi, 2011), hat sich in den letzten Jahren als eine der eigenwilligsten Regie-Stimmen im deutschsprachigen Theater etabliert. Von 2019 bis 2024 Hausregisseurin am Schauspielhaus Zürich, parallel Arbeiten in Hamburg (Thalia), Basel und in München. An den Kammerspielen liegen Yung Faust (2019), Räuberinnen und Fräulein Else in ihrer Handschrift — die Auseinandersetzung mit Klassikern, die nicht zerschlagen werden, sondern in eine eigene, körperlich-musikalische Sprache überführt.

2021 bekam sie den Kurt-Hübner-Regiepreis für Medea* (Schauspielhaus Zürich), 2025 den Nestroy-Preis für die beste Regie für Fräulein Else am Volkstheater Wien. Mit Mein kleines Prachttier setzt sie ihre Arbeit an Stoffen fort, in denen weibliche Subjektivität, Sprache und Trauma verhandelt werden — diesmal von der gefährlichsten Seite her gedacht.

Cast und Team

Auf der Bühne stehen Leonie Böhm, Annette Paulmann und Maren Solty. Bühne Zahava Rodrigo, Kostüm Belle Santos, Dramaturgie Theresa Schlesinger, Übertitel Yvonne Griesel (SPRACHSPIEL), Übersetzung Übertitel Anna Galt.

Service

Premiere: Samstag, 13. Juni 2026, 20:00 Uhr — Münchner Kammerspiele, Schauspielhaus (Maximilianstraße 26–28, 80539 München)
Offene Probe: Donnerstag, 11.06.2026, 19:00 Uhr
Folgevorstellungen: Sa 20.06. (mit Publikumsgespräch + englischen Übertiteln + Samstags-Abo), Mi 01.07., Di 07.07. (mit Publikumsgespräch + Übertiteln), Sa 11.07.2026 (letzte Vorstellung der Spielzeit) — jeweils 20:00 Uhr
Regie: Leonie Böhm · Bühne: Zahava Rodrigo · Kostüm: Belle Santos · Dramaturgie: Theresa Schlesinger
Sprache: Deutsch; ab 20.06. mit englischen Übertiteln
Ticketpreise: Do–Sa 15–45 €, So–Mi 10–40 €, U30 jede Platzkategorie 10 €. Kombi-Rabatt 10 % beim gemeinsamen Kauf Fräulein Else + Prachttier am 19./20.06.
Vorverkauf: ausschließlich über den Kammerspiele-Webshop tickets.muenchner-kammerspiele.de

Lage & Anfahrt

Quellen

Bildquelle: Münchner Kammerspiele, Schauspielhaus (Foto via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE; vollständige Lizenzangabe in der WP-Mediathek).

Schreibe einen Kommentar

Nach oben scrollen