Klassik am Odeonsplatz 2026: Rattle und Shani vor der Feldherrnhalle

Wenn an einem Juli­wochenende die Feldherrnhalle in eine Konzert­kulisse verwandelt wird und 8.000 Stühle auf dem Odeons­platz stehen, dann ist wieder „Klassik am Odeonsplatz“ — Münchens größtes Open-Air-Klassikereignis und seit Jahren feste Größe im städtischen Sommerkalender. 2026 spielen am 11. und 12. Juli das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und die Münchner Philharmoniker, dirigiert von zwei Namen, die die internationale Klassikszene gerade prägen: Sir Simon Rattle und Lahav Shani.

Samstag, 11. Juli: BRSO unter Sir Simon Rattle — ganz und gar amerikanisch

Sir Simon Rattle, seit 2023 Chefdirigent des BRSO, eröffnet das Wochenende mit einem reinen Gershwin-Programm. Eine programmatische Ansage: George Gershwin gehört zu jenen amerikanischen Komponisten, die Rattle besonders nahestehen — die Klang­welten zwischen Symphonik, Jazz und Broadway hat er über Jahrzehnte zu seinem Repertoire gemacht.

Am Klavier: Kirill Gerstein, einer der vielseitigsten Pianisten seiner Generation, spielt das Klavier­konzert in F-Dur (1925) — Gershwins ambitionierte Antwort auf den Erfolg der Rhapsody in Blue, deutlich symphonischer angelegt, mit weit ausgreifenden Bluesphrasen im langsamen Satz. Drum herum gruppiert das Programm das Ouvertüren-Highlight Let ‚Em Eat Cake, das Porgy and Bess: Symphonic Picture in der Bearbeitung von Robert Russell Bennett, und als Finale die Tondichtung An American in Paris. Hupen, Boulevard, Heimweh — bei Open-Air-Bedingungen direkt unter der Feldherrnhalle ein theatralisches Gesamterlebnis.

Sonntag, 12. Juli: MPhil unter Lahav Shani — Wagner, Bruch, Mendelssohn

Am Sonntag übernehmen die Münchner Philharmoniker. Am Pult steht Lahav Shani, der designierte Chefdirigent des Orchesters, der ab der Saison 2026/27 die Nachfolge antritt. Das Programm ist klassischer als am Vorabend, aber nicht weniger publikums­tauglich — drei Werke aus dem romantischen Kanon.

Den Auftakt macht die Ouvertüre zu Richard Wagners Der fliegende Holländer — sieben Minuten, die das Meer beschwören, mit jenem Hörner-Motiv, das jedem Wagner-Hörer sofort im Ohr ist. Es folgt Max Bruchs erstes Violinkonzert, das nach wie vor populärste Werk eines Komponisten, der mit dem Erfolg dieses einen Konzerts zeitlebens haderte. Solistin ist Janine Jansen, die niederländische Geigerin, die regelmäßig zu Klassik am Odeonsplatz zurückkehrt und mit dem Bruch eines ihrer Visitenkarten-Werke spielt. Den Abschluss bildet Felix Mendelssohns dritte Sinfonie, die „Schottische“ — ein Werk, das ebenso symbolisch passt: ausgeglichen, weltläufig, mit Sinn für Atmosphäre und großem Bogen.

Praktisches: Sitzplatz oder Wiese

Klassik am Odeonsplatz funktioniert nach einem zweischichtigen System, das wir besonders schätzen: die nummerierten Sitzplätze vor der Bühne sind ticketpflichtig (von 21 bis 129 Euro), der hintere Bereich Richtung Hofgarten bleibt frei zugänglich. Wer kein Ticket gekauft hat oder spontan kommt, hört das Konzert dort genauso gut — der Klang trägt weit, die Atmosphäre auf der Wiese hat ihren eigenen Reiz. Beginn ist jeweils 19 Uhr, Open-Air, bei jedem Wetter (Regenschirme nur in den hinteren Reihen). Verstärkung über Lautsprecher.

Warum es lohnt

Open-Air-Klassik ist immer ein Kompromiss — Akustik ist offener, Konzentration setzt Mitarbeit voraus, und der Verkehrslärm vom Odeonsplatz lässt sich nicht komplett verbannen. Aber: zwei aufeinander folgende Abende mit den beiden Münchner Top-Orchestern, mit zwei Dirigenten, die international Spitzen­rang einnehmen, und Solist:innen, die anderswo Doppel­preise bringen würden — das gibt es so verdichtet im Stadtraum sonst nicht. Wer das Wochenende zwischen Marien­platz und Hofgarten verbringt, kann am Samstag in Gershwins amerikanischen Sommer fallen und am Sonntag in Mendelssohns schottische Hochland­atmosphäre. Eine spezifisch münchnerische Form, in den Sommer einzusteigen.

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