Wenn am Sonntagvormittag, dem 22. November 2026, das Münchner Rundfunkorchester unter Olivier Tardy auf die Bühne der Isarphilharmonie tritt, geht es um mehr als ein Konzert. „Vive la France“ trägt die Matinee als Titel – und sie ist eine Zeitreise nach Paris zur Belle Époque, jener kulturellen Hochphase zwischen 1880 und 1914, in der Frankreich seine vielleicht produktivste Musiksprache fand.
Drei Komponisten, ein Lebensgefühl
Auf dem Programm stehen Werke von Camille Saint-Saëns, Jacques Offenbach und Maurice Ravel – eine Auswahl, die die Spannweite jener Epoche andeutet. Offenbach steht für das spielerische, leichtfüßige Paris der Operette und der Cancan-Beine; seine Klangsprache ist Karneval und Ironie, mit einem ständigen Augenzwinkern Richtung der bürgerlichen Selbstverliebtheit. Saint-Saëns – der „klassische“ Klassiker unter den Franzosen seiner Zeit – bringt formale Strenge und harmonische Vornehmheit ein; viele seiner Werke verbinden virtuose Brillanz mit melodischer Klarheit. Und Ravel, der jüngste der drei, treibt den französischen Klang in das 20. Jahrhundert: orchestrale Farbenpracht, rhythmische Präzision, exotische Skalen, die schon den Modernismus vorwegnehmen.
Olivier Tardy am Pult

Olivier Tardy ist seit Jahren ein vertrautes Gesicht am Pult des Münchner Rundfunkorchesters. Der gebürtige Franzose pflegt enge Verbindungen zu mehreren süddeutschen Klangkörpern – neben dem MRO sind die Stuttgart Philharmoniker, die Münchner Symphoniker und die Kammerphilharmonie Ingolstadt seine regelmäßigen Partner. Sein Repertoire umfasst die ganze sinfonische Bandbreite, mit besonderer Sorgfalt für das französische Programm, das in deutschen Konzertsälen oft unter Wert behandelt wird. Tardy gilt als Dirigent, der mit feinem Gespür für Klangfarben arbeitet – was bei Saint-Saëns, Offenbach und Ravel keine Nebensächlichkeit ist.
Kleine Randnotiz für kukumuc-Leser: Tardy ist auch der Dirigent unseres Cellotraum-Konzerts am 28. Juni 2026 in der Klosterkirche Dietramszell – wer ihn dort noch nicht erlebt hat, bekommt im November einen anderen, größeren Tardy zu sehen: in voller sinfonischer Besetzung statt im Kammerformat.
Wachtveitl als Stimme
Moderiert wird die Matinee von Udo Wachtveitl – bekannt als Münchner Tatort-Kommissar Franz Leitmayr, aber im Klassik-Betrieb seit Langem auch als preisgekrönter Hörbuch-Sprecher und Konzert-Moderator etabliert. Das Format ist eingespielt: Im November 2025 moderierte Wachtveitl bereits Tardys „Bella Italia“-Matinee mit Werken von Bellini, Verdi, Strauss und Paganini. „Vive la France“ setzt diese Reihe konsequent fort – jeder Termin eine länderbezogene Klangreise, in der musikalische Werke mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund verwoben werden.
Belle Époque – mehr als Cancan
„Paris um 1900“ – das ist mehr als nur fröhliche Operette. Die Belle Époque war eine Phase historischer Selbsttäuschung: Frankreich, eben erst aus dem Trauma des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/71 erholt, taumelte in den Ersten Weltkrieg hinein. Zwischen Eiffelturm-Bau (1889) und Marne-Schlacht (1914) lagen kaum 25 Jahre. In dieser Spanne entstand die Musik, die heute den Klangmythos „Paris“ prägt – bei aller scheinbaren Leichtigkeit getragen von einem unterschwelligen Bewusstsein für das Ende. Wachtveitls Moderation wird vermutlich genau diese Spannung herausarbeiten.
Praktisches
Termin: Sonntag, 22. November 2026, 11:00 – 13:30 Uhr (Matinee).
Ort: Isarphilharmonie im Gasteig HP8, Hans-Preißinger-Straße 8, München-Sendling.
Tickets: über die Konzertkasse des Münchner Rundfunkorchesters oder bei München Ticket.