HAAR – MACHT – LUST: Die Hypo-Kunsthalle macht Haar zur Hauptsache

Wenn ein Museum mehr als 200 Werke zusammenträgt, die Bestände aus dem Louvre, dem Prado und dem Rijksmuseum vereint und das Ganze einem einzigen Thema widmet – dann ist klar, dass es um mehr geht als um eine Geste. Die Kunsthalle München hat sich für die laufende Saison einen Stoff gesucht, an dem sich Macht, Sexualität, Religion und Mode buchstäblich entlang einer Linie zeigen lassen: Haar.

Eine Ausstellung über Haar – kulturhistorisch, nicht modisch

„HAAR – MACHT – LUST“ läuft noch bis zum 4. Oktober 2026 in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in den Fünf Höfen. Es ist keine Mode-Ausstellung im engeren Sinn, auch keine Frisurgeschichte. Die Kuration arbeitet sich quer durch Epochen und Kulturen und stellt die Frage, wie Haupt- und Körperhaar verstanden, gepflegt, abrasiert, verlängert, verhüllt und ausgestellt wurde – und welche Bedeutungen sich daran festmachen lassen.

Gezeigt werden Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Videoarbeiten, Schmuck, Möbel, Designobjekte und Couture-Stücke. Die internationale Leihgaben-Liste liest sich wie ein Who-is-Who der europäischen Museumslandschaft – ohne dass die Schau zur Trophäen-Parade kippt. Im Zentrum steht das Thema, nicht die Provenienz.

Vier Linien durch die Ausstellung

Der konzeptionelle Faden gliedert sich grob in vier Spuren, die sich immer wieder kreuzen. Erstens die religiöse Dimension: Haarbedeckung, Tonsur, Schleier, Bart – Haar als Markierung von Frömmigkeit oder von Distanz zur Welt. Zweitens die politische Dimension: Königsporträts mit ihren symbolisch aufgeladenen Frisuren, Perücken als Herrschaftszeichen, aber auch das Abschneiden von Haar als Akt von Strafe und Erniedrigung. Drittens die erotische Dimension: Aktdarstellungen, in denen Haar als Verhüllung und gleichzeitig als Versprechen funktioniert – von Cranach über Klimt bis zu zeitgenössischen Positionen. Viertens die materielle Dimension: Werke, in denen Haar selbst zum Material wird – als Reliquie, als Schmuck, als Bild­träger.

Diese vier Linien werden nicht streng nacheinander präsentiert, sondern verzahnt – das macht die Begehung lebendig. Wer eine chronologische Hängung erwartet, wird zunächst kurz irritiert sein. Wer sich darauf einlässt, hat einen sehr produktiven Nachmittag.

Was die Schau besonders macht

München ist als Ausstellungsstandort traditionell stark – mit Lenbachhaus, Pinakotheken, Brandhorst und Haus der Kunst gibt es hier ein dichtes Feld. Die Hypo-Kunsthalle besetzt darin eine eigene Position: monothematische Wechselausstellungen mit breitem kulturhistorischem Zuschnitt, die oft genau die Themen ausstellen, die andere Häuser eher umkreisen. „HAAR – MACHT – LUST“ steht in dieser Tradition. Vergleichbare Schauen waren in den letzten Jahren etwa die großen Frauenporträt-Schauen oder die Ägypten-Blockbuster.

Sehenswert ist die Ausstellung auch deshalb, weil sie ein Thema öffnet, das im Alltag unsichtbar funktioniert – und das genau deshalb politisch immer aufgeladen ist. Debatten um Kopftuch, Bart, Glatze, Coloration und Naturhaar sind nie ohne historische Vorgeschichte. Die Ausstellung liefert diese Vorgeschichte über fünf Jahrhunderte und mehrere Kulturkreise hinweg.

Praktisches

Kunsthalle München, Theatinerstraße 8, in den Fünf Höfen zwischen Marienplatz und Odeonsplatz. Geöffnet täglich von 10 bis 20 Uhr – die langen Öffnungszeiten machen die Schau auch nach Feierabend gut besuchbar. Eintritt regulär 18 Euro. Ein Audioguide ist verfügbar; für Kinder ab acht Jahren gibt es ein altersgerechtes Begleitprogramm. Die Schau läuft noch bis zum 4. Oktober 2026.

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