Walküre an der Bayerischen Staatsoper: Kratzer und Jurowski setzen den Münchner Ring fort

Vorausschau auf die Premiere am 25. Juni 2026 bei den Münchner Opernfestspielen — und auf den kostenlosen Open-Air-Übertragungstermin am 4. Juli.

Am 25. Juni 2026 öffnet sich im Nationaltheater der Vorhang für den zweiten Abend eines Ring-Projekts, an dem München sich seit Herbst 2024 abarbeitet. Tobias Kratzer inszeniert Die Walküre, Vladimir Jurowski dirigiert das Bayerische Staatsorchester. Es ist die zweite Premiere des Tetralogie-Bogens, der bis zum Sommer 2027 vollständig auf der Bühne stehen soll. Anders als oft angenommen wird der Ring nicht im Festspielrhythmus geschnürt: Jeder Teil hat seinen eigenen Premierentermin über vier Spielzeiten — Siegfried folgt bereits im Oktober 2026, die Götterdämmerung im Juni 2027.

Was am Rheingold funktioniert hat

Die Rheingold-Premiere am 27. Oktober 2024 hat das Haus nicht im Festspielsommer, sondern als Spielzeitauftakt gestartet — eine bewusste Geste: Wer einen Ring beginnt, beginnt nicht im Tourismusmonat. Die Rezeption war überwiegend positiv, in Teilen euphorisch. Kratzers Bühnenbildner Rainer Sellmaier hatte die Götterwelt in eine renovierungsbedürftige gotische Kathedrale verlegt, an deren Außenmauer in Graffitilettern „Gott ist tot“ stand. Das Schwergewicht der Lesart lag nicht auf der gewohnten Kapitalismus-Kritik, sondern auf der Frage nach Glaube und Götterdämmerung im Wortsinn — Wotan als Vertreter einer abdankenden Religion, Alberich als sterblicher, körperlich verletzlicher Außenseiter.

Joachim Lange schrieb in der Deutschen Bühne von „großartigen Theaterbildern und witzigen Einfällen zum hintersinnigen Subtext“. Peter Jungblut titelte für BR-Klassik mit „Hausschwamm im Himmelsgebälk“. Geteilt war die Kritik einzig zum Pult: Während concerti und BR-Klassik Jurowski für ein „spannungsgeladenes, transparentes“ Dirigat lobten, bemängelte Ludwig Steinbach im Opernfreund eine „ausgemachte Kühle“ — Boulez-nah statt Furtwängler-nah. Helmut Mauros Besprechung in der Süddeutschen Zeitung gilt als die kritischste Ausnahme. Das Publikum reagierte mit klarem Bravo-Übergewicht, einzelne Buhs galten dem Regieteam.

Die Walküre: Cast und Inszenierungserwartung

Aus dem Rheingold-Ensemble kehrt Nicholas Brownlee als Wotan zurück — der amerikanische Bassbariton war 2024 einhellig gefeiert worden. Neu im Cast sind Joachim Bäckström (Siegmund), Ain Anger (Hunding), Irene Roberts als Sieglinde sowie Miina-Liisa Värelä als Brünnhilde. Ekaterina Gubanova singt — wie schon im Rheingold — die Fricka. Das Walküren-Oktett ist namentlich besetzt, u. a. mit Claudia Mahnke als Waltraute und Dorothea Herbert als Helmwige.

Kratzer arbeitet mit seinem Stammteam: Sellmaier verantwortet Bühne und Kostüme, Manuel Braun das Videodesign, Michael Bauer das Licht. Die Inszenierung entsteht als Koproduktion mit dem Gran Teatre del Liceu in Barcelona, das den Münchner Ring später übernimmt.

Wer Kratzers Handschrift kennt — sein Tannhäuser eröffnete 2019 die Bayreuther Festspiele, in der Opernwelt-Kritikerumfrage 2020 wurde er als „Regisseur des Jahres“ ausgezeichnet, seine Karlsruher Götterdämmerung brachte ihm 2018 den Faust-Preis ein — kann eine konkrete, gegenwartsbezogene Lesart erwarten, die ihre popkulturellen Verweise präzise platziert und ohne ironischen Reflex auskommt. Seit der Spielzeit 2025/26 ist Kratzer zusätzlich Intendant der Hamburgischen Staatsoper — der Münchner Ring ist die Großbaustelle, die er parallel führt.

Vladimir Jurowski und der lange Atem

Dass München am Wagner-Ring fortdauernd bauen kann, hängt am dauerhaften Engagement Jurowskis. Der 1972 in Moskau geborene Dirigent ist seit Herbst 2021 Generalmusikdirektor des Hauses. Im Juli 2025 verlängerte das Bayerische Kunstministerium seinen Vertrag bis zum Ende der Spielzeit 2028/29 — eine Laufzeit, die den gesamten Ring-Bogen abdeckt und darüber hinaus reicht. Jurowski hat seine analytisch-transparente Wagner-Lesart früh in München etabliert; Rheingold war die programmatische Probe. Die Walküre wird zeigen, ob die im Rheingold eingeführte Tonsprache auch der dramatisch dichteren, kammerspielnahen Tetralogie-Stelle standhält.

Ring-Bogen und Festspiel-Kontext

Der Münchner Ring folgt einer streckenden Logik: Rheingold (27.10.2024) → Walküre (25.06.2026) → Siegfried (29.10.2026) → Götterdämmerung (27.06.2027). Erst die Festspiele 2027 bringen zwei vollständige Zyklen — Kratzer wird Rheingold und Walküre dafür überarbeiten.

Die Festspiele 2026 (18. Juni bis 31. Juli) ergänzen die Walküre mit Händels Alcina (13. Juli, Prinzregententheater, Regie Johanna Wehner, Leitung Stefano Montanari) als zweiter Premiere. Im Repertoire-Block stehen Puccinis Turandot mit Sondra Radvanovsky, Verdis Macbeth mit Asmik Grigorian und Gerald Finley, Rigoletto mit Ludovic Tézier sowie Gounods Faust.

Für die Münchner und oberbayerische Klassikszene ist die Walküre damit die programmatische Mitte des Sommers — vergleichbar zentral wie Klassik am Odeonsplatz oder die Herrenchiemsee-Festspiele, aber als ein Werk-Ereignis, das nur an dieser Stelle und in dieser Konstellation zu sehen ist.

Service

Premiere: Donnerstag, 25. Juni 2026, 17:00 Uhr — Nationaltheater München (Max-Joseph-Platz 2, 80539 München)
Folgevorstellungen: 28.06., 01.07., 04.07. und 08.07.2026 (jeweils 17:00 Uhr, Nationaltheater)
Musikalische Leitung: Vladimir Jurowski · Regie: Tobias Kratzer · Bühne/Kostüm: Rainer Sellmaier · Video: Manuel Braun · Licht: Michael Bauer
Klangkörper: Bayerisches Staatsorchester
Sprache: Deutsch, mit deutschen und englischen Übertiteln
Tickets: staatsoper.de — Preisrahmen 20–293 Euro für Folgevorstellungen, Premiere bis 343 Euro (Festspielzuschlag)

Kostenlose Open-Air-Übertragung: Samstag, 4. Juli 2026, 17:00 Uhr — „Oper für alle“ überträgt die Walküre mit dem Premieren-Cast live. Eintritt frei, keine Tickets nötig, PET-Flaschen bis 0,5 l erlaubt, Glas verboten. Den exakten Spielort (Max-Joseph-Platz oder Marstallplatz) gibt die Staatsoper kurz vor dem Termin auf staatsoper.de/oper-fuer-alle bekannt — in beiden Vorjahren wurde gewechselt.

Lage & Anfahrt

Quellen

Bildquelle: Nationaltheater München, August 2022. Foto: xiquinhosilva via Wikimedia Commons, Lizenz CC BY 2.0.

Schreibe einen Kommentar

Nach oben scrollen